Die Turin-Nizza-Rally 2018 – ein Reisebericht

Oder: Was man mit einem Einsteiger-Rennrad aus Stahl alles anstellen kann

Die Turin-Nizza-Rally ist ein einzigartiges Bikepacking-Event: Völlig auf sich allein gestellt schickt sie ihre abenteuerlustigen Teilnehmer auf eine lange Reise über ausgesetzte Passstraßen und schroffe Schotterpisten, quer durch den südwestlichsten Teil der Alpen. HIBIKER Julian hat sich im September aufgemacht, um an dieser epischen Ausfahrt teilzunehmen. Das hier ist sein Reisebericht.

Alles fing damit an, dass ich endlich mal in den Alpen Rad fahren wollte, große Pässe und so etwas. Und wild zelten, das sollte auch dabei sein. Auf der Suche nach schönen Strecken wurde ich auf den südwestlichen Teil der Alpen aufmerksam: Cottische Alpen und Seealpen. Ich fing mit der Planung an und stellte fest, dass es bereits eine Veranstaltung mit entsprechender Streckenführung gibt: Die Turin-Nizza-Rally.

Turin-Nizza-Rally – die Eckdaten

  • Austragung seit 2016, ca. 600-700 km, mehr als 15.000 hm
  • Nicht kommerzielle Veranstaltung, d.h. keine Gebühren
  • Organisierte Tour mit festem Starttermin, kein Rennen und keine Zeitnahme
  • Eine Hauptroute, zusätzliche (Schotter-)Abschnitte

Los geht’s

Nach der Anreise mit dem Zug war es es am 03.09. soweit: Start war um 9 Uhr in Turin auf der Piazza Bodoni. Dort sammelten sich über 200 Fahrer und auch einige wenige Fahrerinnen, um die Strecke in Angriff zu nehmen.

Ich machte mich mit meinem Kona Penthouse auf den Weg. Das ist ein Rennrad mit entsprechender Übersetzung, Stahlrahmen, Felgenbremsen und wenig Platz für breitere Reifen. Damit war von vornherein klar, dass ich mich eher auf den asphaltierten Abschnitten wohlfühlen würde. Ich war gespannt, wie sich das Rad und vor allem sein Fahrer auf den (teilweise grob) geschotterten Teilstrecken schlagen würden.

Ausgestattet war mein Rad mit Bikepacking-Taschen von Salsa, Revelate Designs und Topeak, die mir von Cosmic Sports für einen Praxistest zur Verfügung gestellt wurden. Vielen Dank dafür! Wer mehr Infos über die Taschen möchte, kann sich auf einen separaten Beitrag freuen, in dem ich berichten werde, wie sich die Taschen im täglichen Einsatz bewährt haben.

Die ersten Pässe

Für den Anfang wählte ich am ersten Tag den Anstieg zum Colle del Lys anstelle des berüchtigten Colombardo. Ich kam etwas schneller voran als erwartet und fand mich nachmittags in den ersten Serpentinen des großartigen Colle delle Finestre wieder. Ich erinnerte mich an das Video, in dem die Jungs von GCN diesen Pass fahren und die Strecke in den höchsten Tönen loben. Und das zu Recht: Zu Beginn schlängelt sich die Passstraße noch in schnell aufeinander folgenden Serpentinen durch den dichten Wald, später öffnet sich die Landschaft und ermöglicht grandiose Ausblicke ins Tal hinab. Der Untergrund bestand inzwischen aus recht feinem Schotter, der gut fahrbar war. Schwierig war für mich eher die Länge des Anstiegs und die Steigungsprozente: 1.700 Höhenmeter bei durchschnittlich über 9% Steigung – das ist schon knackig. Bei meinem kleinsten Gang von vorne 33 und hinten 32 Zähnen musste ich öfter in den Wiegetritt gehen, da die Trittfrequenz im Sitzen sonst auf Dauer zu niedrig wurde. An das Fahren im Stehen würde ich mich in den nächsten Tagen aber noch gewöhnen.

An der Passhöhe angekommen, bemerkte ich erst, wie kühl es mittlerweile geworden war. Die körperliche Erschöpfung und die leeren Energiespeicher trugen ihren Teil dazu bei, dass ich schlagartig anfing zu frieren. So wie mir erging es auch den anderen Fahrern, die mittlerweile oben angekommen waren. Deshalb beeilten sich alle und begaben sich auf die Abfahrt auf der südlichen Passseite. An der Abzweigung zur Strada dell’Assietta entschied ich mich, diese nicht mehr am selben Abend in Angriff zu nehmen. Stattdessen fuhr ich etwas weiter ab, um unterhalb der Baumgrenze windgeschützt zu übernachten und am nächsten Morgen zur Assietta-Straße zurückzukehren.

In guter Gesellschaft durch die Wildnis

Im strahlenden Sonnenschein konnte ich dort austesten, wo die Grenze des Machbaren liegt: Im Vorfeld der Rally war ich der Annahme, dass man auch mit einem für die Zwecke mäßig ausgestatteten Rad solche Strecken bewältigen kann. Mein Optimismus basierte zum Teil auf Erfahrungen aus zurückliegenden Touren. Wirklich sicher war ich mir aber nicht, dass ich auch im alpinen Bereich bis über 2.500 m Höhe und über mehrere Tage hinweg auf diesen Untergründen zurechtkommen würde. Allerdings braucht man sicherlich unabhängig vom Rad eine Portion grimmige Entschlossenheit, um lange Anstiege hinaufzuradeln, bei denen auch ein paar technische Schwierigkeiten hinzukommen. So fuhr ich also störrisch weiter den Berg hinauf in Richtung Testa dell’Assietta, dem höchsten Punkt dieses Abschnitts. Immer auf der Suche nach der Linie mit dem glattesten Untergrund musste ich öfter die Straßenseite wechseln und dabei aufpassen, nicht zu weit nach links zu kommen. Denn dort war nur der Abgrund. Ich stellte fest, dass zügiges Fahren auf diesem Terrain von Vorteil ist, da man so besser über die zahlreichen Unebenheiten kommt, ohne an jedem Stein hängen zu bleiben. Kurze, etwas steilere Stücke versuchte ich mit Schwung zu überwinden.

Das klappte soweit ganz gut. Kurz vor der Abfahrt zurück in die Zivilisation traf ich auf zwei andere Fahrer, die auf mein Rad aufmerksam wurden. Der eine rief: „Du könntest ja überallhin fahren mit diesem Rad!“ Darauf der andere: „Du klingst schon wie meine Frau!“ Damit war die Tonlage für die nächsten fünf Tage gesetzt: Mit den Brüdern Wayne und Tony aus England hatte ich zwei sympathische Typen getroffen, mit denen ich anschließend den Großteil der restlichen Strecke bestritt.

Die nächsten Tage

In der Folge wiederholte sich der Ablauf: Meistens draußen in der Wildnis übernachten, essen, Rad fahren und Nahrung besorgen (davon reichlich!). Das Erlebnis, sich aus eigener Kraft  durch die wunderschöne Bergwelt zu bewegen, kann ich hier nicht wirklich in Worten beschreiben. Bilder werden diesem unbeschreiblichen Gefühl noch am ehesten gerecht, denke ich.

Schon vorbei?

Am siebten Tag kam ich schließlich um die Mittagszeit mit meinen zwei Mitfahrern in Nizza an. Dort angekommen, informierte ich mich über Rückfahrmöglichkeiten Richtung Deutschland mit dem Zug. Ein wenig frustriert stellte ich fest, dass die Fahrt lange wird und ich oft umsteigen müsste. Außerdem hatte ich noch keine Lust, mit dem Radfahren aufzuhören. Die Lösung war naheliegend: Ich konnte mich spontan an Mitfahrer Wayne anschließen und ihn ins 300 km entfernte Grenoble begleiten. Gesagt, getan: Zwei Tage später erreichten wir mein neues Ziel Grenoble. Somit verkürzte ich meine Rückreise um schlappe 300 km und durfte noch ein wenig Zeit auf meinem Rad und den atemberaubenden Provence-Alpen verbringen – ein perfekter Abschluss also!

Fazit

Die Turin-Nizza-Rally oder ähnliche Bikepacking-Touren empfehle ich jedem, der gerne in den Bergen Rad fährt und sich nicht davor scheut, in der freien Natur zu übernachten. Zur Tauglichkeit des von mir gewählten Rades kann ich berichten, dass ich auf der Strecke außer einem platten Reifen keine Defekte hatte, und dass ich fast die gesamte Strecke fahrend zurücklegen konnte. Was will man mehr!

Würde ich die Tour nochmals mit einem Rad mit dünnen Reifen und Felgenbremsen bestreiten? Das eher nicht. Zwar hatte ich mit den Bremsen keinerlei Probleme, doch das hätte bei Nässe auch anders aussehen können. Es gibt inzwischen eine große Anzahl von Gravelbikes, die mit breiten Reifen und Scheibenbremsen für genau dieses Terrain gebaut werden.

Für mich war es auf jeden Fall nicht die letzte Radreise dieser Art. Die Berge und der Schotter werden mich hoffentlich bald wiedersehen!

Julian Zipperer
Ein Beitrag von: Julian Zipperer – HIBIKE Telefon-Beratung

2 thoughts on “Die Turin-Nizza-Rally 2018 – ein Reisebericht

  1. Great to have met you en-route Julian. Will always remember the hospitality of, and conviviality between, all those who riders who sheltered from the storm at Lou-lindal.

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