Cyclocross Beitrag 2017

Cyclocross & Gravel – was ist das und warum macht das Spaß?

Die MTB-Dichte im Wald nimmt spürbar ab und zahlreiche Rennräder befinden sich bereits im Winterschlaf. Anzeichen für das Saisonende! – Moment mal, Saisonende? Was soll das bitte? Denn das Saisonende der klassischen Schönwetterradler markiert auch gleichzeitig den Beginn der Cross-Saison, denn ein Crossrad fühlt sich eigentlich erst bei feuchtem Wetter richtig wohl.

Wir haben diesen tollen Beitrag frisch aufpoliert und die Modelle aktualisiert. Auch auf die Frage “Gravel-Bike? Was bitte ist das nun schon wieder?” hat Daniel eine Antwort…

Ein Crosser ist das ideale Wintertrainingsrad für Ganzjahresradler. Auch wenn es vom Konzept her ein Wettkampfrad mit meist recht sportlicher Geometrie ist, kann man mit einem Crosser durchaus auch fahren ohne dass einem das Laktat aus den Beinen dampft 🙂  . (In der Geometrie liegt übgrigens auch der Hauptunterschied zum Gravel-Bike, aber dazu später mehr). Neben sportlichen Ausfahrten durch den Wald sind auch lange Tourenrunden möglich, die einen an Plätze führen, die man noch nie gesehen oder bisher nicht wahrgenommen hat. Das kann ein malerischer Weiher im Wald sein oder auch ein Trail, den man mit dem MTB und seinen üppigen Federwegen nie zu schätzen wußte. Ohne Federweg, auf Reifen mit knapp über 3 cm Durchmesser, ist das Fahrverhalten und damit auch das Erlebnis sehr direkt. Und trotzdem staune ich immer wieder, wo man mit dem Crosser überall rauf, runter und durch kommt.

“Ich suche ein Crossrad…”

…Das hören wir im Laden sehr häufig. Jedoch versteht fast jeder etwas Anderes unter diesem Begriff. Es kann nach einem MTB-Hardtail für den Cross Country-Einsatz, nach einem sportlichen Trekkingrad mit Geländeeignung oder tätsächlich nach einem Cyclocrosser gesucht werden. Um die zuletzt genannte Kategorie soll es hier gehen, denn, während die meisten anderen Raddisziplinen bei herbstlichen Witterungen eher Pause haben, starten die Cyclocrosser ihre Hochsaison! Schade nur, dass das kaum jemand weiß, gerade weil diese Radgattung bei Schmuddelwetter geradezu ideal ist.

Was ist nun also ein Cyclocrosser? – Zuerst etwas Historie…

Kurz gesagt: Ein Cyclocrosser – oder auf deutsch Querfeldeinrad – sieht aus, wie ein Rennrad mit breiten Reifen und ist der Vorgänger des Mountainbikes!

Mountainbikes kamen ja erst ab den 80er Jahren nach Europa, was aber nicht bedeutet, dass davor niemand im Winter Rad gefahren wäre. Wer Anfang des letzten Jahrhunderts mit dem Rad wirklich Sport getrieben hat, war fast ausschließlich Rennradfahrer. Was machte ein Rennradfahrer aber auf winterlicher Straße in der damaligen Zeit mit holprigen Strassen oder nassem Pflaster und maximal funzeliger Dynamobeleuchtung? Entweder nicht fahren oder eine Alternative suchen. Damals waren Rennräder ja noch aus Stahl und so war mit etwas Bastelei und Schweißgerät schnell eine Lösung gefunden: Man nimmt einen alten Rennradrahmen und macht breite, profilierte Reifen drauf. Damit die wiederum durch die Bremse passten, musste die schmale Rennerbremse runter und Cantisockel für die Aufnahme eben einer Cantibremse kamen ans Rad. Fertig war das Querfeldeinrad, mit dem man abseits der Straße trainieren konnte – das erste Geländerad war geboren!

Aber Radrennfahrer sind nun mal Radrennfahrer und so blieb es nicht lang beim Trainingsrad allein, sondern es gab schon ab den 1920er Jahren Rennen und auch speziell entwickelte Räder für diesen Einsatz. In den 1960er und 70er Jahren begeisterten sich Tausende auch in Deutschland für diesen neuen Sport, der auf kurzen Rundkursen mit Hindernissen, die die Fahrer zum Absteigen oder Überspringen zwangen ausgetragen wurden. Auch deutsche Fahrer wie Rolf Wolfshohl, Klaus-Peter Thaler und Mike Kluge sorgten mit ihren Weltmeistertiteln in dieser Klasse für einen regelrechten Boom des Geländeradsports noch vor der Erfindung des Mountainbikes.

Und Cyclocross heute?

In Deutschland fristet der Querfeldeinsport leider ein Schattendasein. 🙁  Zwar gibt es nach wie vor erfolgreiche deutsche Fahrer, wie Hanka Kupfernagel oder Philipp Walsleben, die großen Rennen finden aber fast alle in Belgien , Luxemburg und den Niederlanden statt. Klassiker auf deutschem Boden, wie jüngst das Rennen am Bornheimer Hang, sterben allmählich aus. Besonders in den flämischen Landen kommen jedes Wochenende zehntausende Zuschauer zu den großen Rennen, um den Legenden wie Sven Nijs oder Marianne Vos und neuen Stars wie Wout van Aert und Lars van der Haar zuzujubeln, wie diese über Hindernisse hinweg setzen oder sich durch Sand- und Schlammlöcher kämpfen. Das gibt es in Deutschland nur beim Fußball…
So sah das bei der UCI Cyclo-Cross World Championship Luxemburg 2017 aus:

70er Jahre, Stahlrahmen, Cantibremsen?! – Alles retro oder was?

Beruhigt kann man feststellen, dass auch am Cyclocross die technische Entwicklung nicht vorbei gegangen ist. Heute findet man Alu- und natürlich auch Carbonrahmen mit cross-spezifischen Geometrien mit moderner 11-fach Schaltung und Scheibenbremsen.

Ein aktueller Cross-Rahmen unterscheidet sich vom Rennrad vor allem durch eine kürzere Geometrie. Das Oberrohr ist etwa 1-2 cm kürzer, um ein wendigeres Handling zu ermöglichen. Das Steuerrohr ist ebenfalls meist etwas niedriger, damit diejenigen, die ihr Rad tatsächlich im Rennen fahren wollen, möglichst tief runter kommen. Die Rennen dauern nie länger als 1 Stunde, da darf der Sitzkomfort einer solchen Position ja mal vernachlässigt werden. Für alle anderen lässt sich aber auch ein angenehme Position finden – die Style-Polizei gestattet sogar positiv montierte Vorbauten am Crosser.

Antrieb am Crosser

Am Antrieb kommen meist bekannte Komponenten aus dem Rennradsegment zum Einsatz. Shimanos 105er Gruppe ist hier wohl am meisten verbreitet, aber Sram legt mit einer speziellen 1 mal 11-Gruppe, der Force CX1 nach und natürlich hat auch Campagnolo entsprechende Komponenten am Start. Der markanteste Unterschied zum Rennrad ist hier jedoch die Kettenblattgröße. Die Abstufung 46/36 hat sich hier durchgesetzt, denn mit dem Crosser fährt man selten mehr als 60 km/h und mit 36/28 kann man auch mal eine steile Rampe hoch drücken, wenn diese nicht zu lang ist. Der verringerte Zahnabstand von 10 Zähnen zwischen kleinem und großen Blatt (Rennrad 16 Zähne) hilft beim flüssigen Fahren im Gelände, denn einmal vorn Hochschalten ist so praktisch gleich dem zweimaligen Runterschalten an der Kassette. So lassen sich winklige Strecken super fahren und bergan entfällt das Gegenschalten hinten, wenn man feststellt, dass das große Blatt doch zu optimistisch war. Wer in die Berge will, kann aber relativ einfach vorne ein 34er Blatt montieren oder hinten mit langem Schaltwerk auf 32 oder gar 34 Zähne gehen.

Bremsen, Reifen, Pedale und Co. an Crossrädern

Bei den Bremsen hat die mechanische oder auch hydraulische Scheibenbremse die klassischen Cantis weitgehend abgelöst. 160er oder sogar 140er Scheiben für leichte Fahrer reichen im klassischen Cross-Einsatzbereich vollkommen aus. Entsprechend verfügen die meisten Crossräder auch über Laufräder für Scheibenbremsaufnahme und die Steckachse ist groß im Kommen.

Beim weiteren Material gibt es recht wenig spezielles anzuschaffen. Reifen sind natürlich immer ein Thema, machen aber nicht ganz so viel Unterschied, wie beim MTB. Bei den Pedalen sollte man auf MTB-Pedalen setzen, denn im Schlamm mit Rennradschuhen und Systemen zu fahren, funktioniert nicht wirklich gut. Es gibt auch speziell für den Renneinsatz entwickelte Cyclocross-Schuhe, die dann leichter als ein Winterschuh sind, aber trotzdem über einen engen, überknöchelhohen Schaft verfügen, damit nicht zu viel Dreck eindringen kann. Für die normale Trainingsausfahrt tut es aber auch jeder MTB-Schuh.

Neu: Das Gravel-Bike –
Was ist das nun wieder und wo liegt der Unterschied zum Cyclocross?

Diese Frage kam schon auf, als das neue Segment „Gravel-Bikes“ über den großen Teich herüber schwappte und man muss sagen, dass die Abgrenzung zu den Bereichen Komfort-Rennrad und Cyclocross hier, je nach Hersteller, mehr oder wenig fließend sind. Die Gravel-Idee kam daher, dass gerade in den USA das Rennrad-Training auf den Straßen sehr gefährlich ist und man gerne auf Gravel-Roads aka „Waldautobahnen“, also geschotterte Wege ausweichen wollte. Hierfür reicht nicht unbedingt ein 28er Reifen, wie er noch in die meisten Komfort-Rennräder passte. Und ein Crosser, der ja Reifen bis 35 mm aufnimmt, war für das Ausdauertraining vielen Fahrern zu aggressiv von der Geometrie. Daher wurde ein Rad erschaffen, das breite Reifen aufnehmen kann (oft über 40 mm) und eine komfortable Geometrie mit etwas längerem Ober- und vor allem längeren Steuerrohr hat. Dadurch entsteht eine weniger gedrungene Sitzposition – perfekt für Schotterstraßen, aber auch im Adventure-Bereich macht ein Gravel-Bike eine gute Figur.

Allrounder mit gemäßigter Cross-Geometrie oder aggressiver?

So ein Rad eignet sich für das Wintertraining abseits des Verkehrs entsprechend gut. Der Crosser fährt sich aber in der Regel etwas direkter, lässt sich schneller Schultern und ist robuster, da er auch in härterem Gelände eingesetzt werden kann und soll. Wer mal ein „richtiges“ Crossrennen mit engen Kehren, Stufen und viel Dreck gesehen hat, versteht das sicher.
Durch die neue Variante Gravel eröffnen sich den Herstellern zwei Optionen:

  • Man baut einen „Allrounder“ mit einer gemäßigten Cross-Geometrie, welcher sich auch mit breiten Gravel-Reifen einsetzen lässt und prima für das lockere Wintertraining taugt, aber im Sommer alle Möglichkeiten bietet. Diese Option gehen z.B. Bergamont mit dem Grandurance und bedingt Santa Cruz mit dem Stigmata, wobei beide Räder auch für den Wettkampf taugen.
  • Die zweite Option ist es, einen aggressiveren Crosser zu bauen, der das Rennfahrerherz höher schlagen lässt, wie das z.B. am neuen Specialized Crux Carbon realisiert wurde und ein anderes Rad aus dem Sortiment (in diesem Fall das Specialized Diverge) für das Gravel-Segment anzubieten.

Wie gesagt sind die Übergänge hier sehr fließend und letztendlich entscheidet der persönliche Wohlfühlfaktor auf einer Geometrie darüber, welches Rad zu dir passt. Durch Namensgebung und Bereichswidmung der Hersteller sollte man sich nicht verwirren lassen, man kann sich aber sehr wohl daran orientieren.

Welche Hersteller sind mit Cyclocross-Rädern vertreten?

Ab 999 EUR bekommt man mit dem Trek CrossRip1 schon einen brauchbaren Einstiegscrosser. Auch Bergamont und Specialized bieten schon einen günstigen Einstieg mit den Modellen Bergamont Grandurance CX 6.0 für 1199 EUR und Specialized Crux E5 für 1499 EUR. Die Neuheiten des Jahrgang 2018 sind sicher der neue Carbon-Rahmen am Specialized Crux Elite, der leichter und aggressiver geworden ist, sowie das äußerst vielseitige Bergamont Grandurance Team, welches den Spagat zwischen Cyclocross und Gravel versucht und so verschiedene Möglichkeiten öffnet. Natürlich gibt es auch weiterhin das Trek Boone mit IsoSpeed-Gelenk und das ebenfalls vielseitig einsetzbare Santa Cruz Stigmata mit seinem sehr eleganten Rahmen, sowie weitere, interessante Alternativen von Kona, Surly, Lapierre oder Salsa in unserem Cyclocross-Sortiment.

Viele Modelle haben wir direkt vor Ort, wir bauen aber auch gern mit dir dein spezielles Wunschbike, das zu deinen Ansprüchen passt auf.

Ist das also nur was für durchgeknallte Rennfahrer?

Nein, das ist es nicht, denn kaum ein Rad ist so vielseitig einsetzbar wie der Crosser! Im Winter steht für praktisch jeden ambitionierten Radsportler Ausdauertraining an. Wer nicht den Nerv hat, das auf der Rolle zu machen oder das nötige Kleingeld für das Trainingslager im sonnigen Süden, kämpft sich über matschige Feld- und Waldwege durch meist flaches bis leicht profiliertes Gelände. Dafür ist ein Crosser ideal, denn er läuft schneller als das Mountainbike durch leichtes Gelände und kommt auf asphaltierten Wegen trotz Stollenprofil sehr nah ans Rennrad heran. Die Sitzposition macht´s möglich und erweitert neben dem Geschwindigkeitsschnitt auch noch die Reichweite für längere Touren in entfernte Regionen.

Die im Vergleich zum MTB schmalen Reifen wirbeln auch deutlich weniger Dreck auf und sauen den Fahrer entsprechend weniger ein. Dazu schneiden sie leichter durch weiche Böden und rollen dort besser als ein breiter MTB-Schlappen.

Aber auch für den Trail-Liebhaber macht es Sinn, sich im Winter auf den Crosser zu setzen. Wer mit 0 mm Federweg und 33 mm-Bereifung Trails fährt schult unweigerlich die Linienwahl. Da geht wesentlich mehr, als man sich und dem Rad zutraut und so machen auch leichte Trails, die man im Sommer mit dem MTB einfach runter bügelt wieder richtig und bei jedem Wetter Spaß.

Durch die guten Allround- und Roll-Eigenschaften kann man das Rad auch perfekt für den täglichen Weg zur Arbeit nutzen. Das wissen auch wir bei HIBIKE und so nutzen die meisten unserer Kollegen zum Pendeln eben ein Crossrad. Damit kann man auch nach Feierabend und am Wochenende richtig Spaß haben, denn im Gegensatz zum Trekkingrad ist der Cyclocrosser ein echtes Sportgerät mit vielen Möglichkeiten. Ob pendeln, epische Runden durch Wald und Feld oder doch mal ein adrenalinreiches Cross-Rennen – mit dem Cyclocrosser ist alles möglich! Und sollten wir dich noch nicht überzeugt haben, gibt es nach Terminabsprache auch die Möglichkeit einen Crosser bei uns auszuleihen für eine Testrunde.
Wir beraten dich gerne ausführlich zu diesem schönen Thema und freuen uns auf deinen Besuch in Kronberg!

Daniel Gronert - Ladengeschäft Kronberg
Ein Beitrag von: Daniel Gronert – HIBIKE Ladengeschäft Kronberg im Taunus

4 thoughts on “Cyclocross & Gravel – was ist das und warum macht das Spaß?

    1. Ja, bei verwendeten Reifengrößen zwischen 32-622 und 35-622 macht das 32-35mm Durchmesser, je nach Felge mehr oder weniger 🙂
      Sportliche Grüße!

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